Category Archives: Mittelstand International

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Industrie 4.0 im Reich der Mitte

China steht in der Breite erst am Anfang von dem, was die Umsetzung von Industrie 4.0 & „Smart Factory“ bedeutet. Doch schon mehr als jedes zweite chinesische Industrieunternehmen hat das Thema Industrie 4.0 und die intelligente Fabrik auf der Agenda (Staufen Studie).

Wirtschaft am Wendepunkt – „adapt or die“

Nach Ansicht von He Chuanqi (Director of the Centre for Modernization Research, Chinese Academy of Social Science) ist die Transformation der chinesischen Wirtschaft im Hinblick auf industrielle Zukunftstechnologien „alternativlos“. Es geht für China gewissermaßen um alles oder nichts. Nur wenn es China gelingt, eine globale Führungsrolle im Bereich neuer Technologie-entwicklungen einzunehmen, können die Innovationen und Patente der neuen industriellen Revolution hervorgebracht werden, um ein nachhaltiges fortschreiben des „Chinesisches Wirtschaftswunders“ zu schaffen. Gelingt es China hingegen nicht auf dem Feld der Zukunftstechnologien weiter voranzukommen läuft man Gefahr, zwischen die Mühlsteine der etablierten Industrienationen einerseits und kostengünstigeren Industriestandorten (insbesondere an der Peripherie Chinas) andererseits zu geraten.

Industrie 4.0 soll Chinas Sprungbrett sein – „Made in China 2025“

Seit die Hannover Messe 2013 die IT-gestützte Weiterentwicklung der industriellen Produktion und damit die zunehmende Vernetzung aller Industrie-Bereiche in den Mittelpunkt gestellt hat, scheint das „deutsche Konzept Industrie 4.0“ auch in China in aller Munde zu sein. Man sieht hier die Chance, in Zusammenarbeit mit Deutschland und deutschen Unternehmen den Sprung von der Billiglohnfertigung zur „intelligente Produktion“ in wenigen Jahren zu schaffen.

Das deutsche Referenzmodell der „Industrie 4.0“ ist dabei eines der zentralen Elemente des staatlichen Förder- und Aufwertungsplans „Made in China 2025“, der ähnlich der Fünfjahrespläne einen konkreten Leitfaden für Chinas industrielle Aufholjagd liefert und die Digitalisierung der Industrie ganz oben auf die Agenda setzt. Im Mittelpunkt der „Made in China 2025“-Strategie stehen die:

  • Informations- und Automatisierungstechnologien
  • Luft- und Raumfahrtindustrie
  • Elektromobilität
  • Stromnetze
  • Neue Materialien
  • Biopharmazeutische Industriezweige

mit dem Ziel, China nachhaltig als „Industriemacht“ zu etablieren. Durch den Übergang zu einer innovationsgetriebenen Industrie, zu Effizienz u. Qualität, umweltfreundlicher Produktion, Dienstleistungsorientierung und einer konsequenter Umsetzung der Prämissen der „Industrie 4.0“ könnte so die Produktivität um 25% – 30% gesteigert und unvorhergesehene Produktionsausfälle um 60% reduzieren werden (中国版“工业4.0”的战略意义和对策建议).

Industrie 4.0: China ist im Rückstand, noch!

Eine Blick auf den Ist-Zustand zeigt, noch steckt China als ganzes eher in den Kinderschuhen eines „Industrie 4.0 Szenarios“. Das Land ist vielfach erst auf dem Weg von der Industrie 2.0 (manueller Produktion/Fertigung) zur Industrie 3.0, was der mittlerweile weltweit größte Absatzmarkt für Industrieroboter eindrücklich belegt (so werden voraussichtlich 2017 die meisten Industrieroboter in China eingesetzt, IFR).

China plant seine industrielle Entwicklung langfristig und ambitioniert. Bis dato hat zwar nur etwa jede zehnte Firma den Entwicklungspfad hin zur internetgestützten Echtzeit-Vernetzung von Objekten, Maschinen und Menschen bereits mit konkreten, operativen Projekten aufgenommen. Aber, die intelligente Fabrik ist bereits bei 37% der chinesischen Unternehmen in der Beobachtungs- und Analysephase und weitere 9% planen und testen in diese Richtung (Staufen Studie).

Wie schnell man allerdings in der Lage sein wird den Rückstand im Sinne einer Vernetzung möglichst aller Instanzen gegenüber den führenden Industrienationen aufzuholen, darüber wird, wie über die allgemeine zukünftige Entwicklung Chinas kontrovers diskutiert. Während die Pessimisten China erst im Jahr 2100 auf Augenhöhe mit den „westlichen“ Industrienationen sehen, ist man gemäß einer Studie der Chinesischen Akademie für Ingenieurswissenschaft (CAE, 中国工程院) bis zum Jahr 2045 in der Lage, mit den USA, Deutschland und Japan als fortschrittlicher Industrieproduzent gleichzuziehen.

China und Industrie 4.0 – Chance & Risiko für deutsche Unternehmen

Eine deutliche Mehrheit der deutschen Unternehmen (86%) anerkennt die Chancen der Digitalisierung für den Industriestandort Deutschland, verhält sich aber bzgl. der Umsetzung von „Industrie 4.0“ Projekten eher abwartend. Für den Mittelstand hingegen, räumen 63% der Befragten selbstkritisch ein, dass das Thema „Industrie 4.0“ derzeit eher noch vernachlässigt wird, obwohl sich zwei Drittel dieser Unternehmen in Märkten bewegen, die durch einen starken Verdrängungswettbewerb und immer kürzere Produkt- und Innovationszyklen geprägt sind. (Handelsblatt/Commerzbank)

Mit Blickrichtung China & „Industrie 4.0“ führt dies zu einer Reihe von Implikationen und Fragestellungen:

  • Die Nachfrage aus China bietet deutschen Anbietern von „Industrie 4.0“ Produkten und Lösungen grundsätzlich eine Reihe guter Absatzmöglichkeiten. Aber!: Das Zeitfenster hierfür ist limitiert. Sowie die chinesischen Unternehmen die Technologielücke schließen, ist mit einem heftigen Verdrängungswettbewerb zu rechnen. Wie sind Sie für einen solchen Wettbewerb aufgestellt?
  • Eine mögliche Zusammenarbeit mit China wird die chinesischen Wettbewerber stärken. Aber!: Chinas Industrie wird sich in jedem Fall digitalisieren, wenn nicht mit deutscher Hilfe dann mit den Produkten internationaler Anbieter und zunehmend auch eigenen Lösungen! Haben Sie sich schon einmal Gedanken drüber gemacht, wie Sie mit einem auf „Industrie 4.0“ basierenden Geschäftsmodell einen Vorteil gegenüber chinesischen Wettbewerben erlangen? Reichen Ihre Anstrengungen auf dem Gebiet der „Industrie 4.0“ aus, wenn Sie nachhaltig an den sich zunehmend digitalisierenden „chinesischen Wertschöpfungsketten“ partizipieren wollen?
  • Eine Studie des Fraunhofer IAO zeigt, dass zwischen 2013 und 2015 auf dem Feld der „Industrie 4.0“ über 2500 Patente in China angemeldet wurden (vgl. USA 1065 ; Deutschland mit 441). Schutzrechte, die auf dieser Basis definiert werden, zwingen deutsche Technologieanbieter sich zukünftig daran zu orientieren!
  • Kooperationen auf dem Gebiet der „Industrie 4.0“ sind insbesondere für einen Mittelständler nicht ohne Risiken: Je digitalisierter die Produktionsprozesse werden, umso bedeutender ist es, hierfür die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Risiken wie die Zugangskontrolle zu Herstellungsprozessen, Wirtschaftsspionage, Cyber-Kriminalität und die staatliche Datenkontrolle als Instrument protektionistischer Industriepolitik müssen genauestens evaluiert werden.

Interessant: Chinesische Manager sehen schon in den kommenden fünf Jahren tiefgreifende Veränderungen auf Ihre Unternehmen zukommen. 80% der Unternehmen sind davon überzeugt, dass sich ihre Geschäftsmodelle und die Mitarbeiterstruktur durch das Thema „Industrie 4.0“ signifikant verändern werden (etwa gleichviele erwarten einen wirtschaftlichen Erfolg und Wandel in ihren F&E Aktivitäten).

In Deutschland rechnen nur 50% der Unternehmen damit, dass sich in den kommenden Jahren das eigene Geschäftsmodell und die Zusammensetzung der Belegschaft durch „Industrie 4.0“ spürbar verändern werden (Staufen Studie; Handelsblatt/Commerzbank) 

Fazit: „adapt or die!“ für wen?

Chinas Technologierückstand als Ist-Zustand, sollte jedoch nicht den Blick in die Zukunft im Sinne eines gesicherten, westlichen Vorsprungs verschleiern. Steigt der Leidensdruck eines sich verlangsamenden BIP-Wachstums und damit der „Zwang“ einer wirtschaftliche Transformation, so können in China neue Technologien und Technologieführer im Sinne des „Leapfroggings“ in kürzester Zeit entstehen. China braucht dabei nicht zwingend eine Digitalisierung in der Breite. Schon einige „nationale chinesische Champions“ reichen aus, um sowohl auf dem chinesischen Markt, als auch auf den internationalen Märkten einen empfindlichen Wettbewerbsdruck zu erzeugen.

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Industrie 4.0“ im Hinblick auf eine Internationale Dimension scheint für den Mittelstand dringend geboten. Sonst könnte es sehr schnell für uns heißen: „adapt or die!“

Dirk Müller
Partner im VBU


Zum Autor: Dirk Müller (MBA, Dipl.-Pol.)
Partner im VBU-Kompetenzteam Mittelstand International (Fokus China)
incorepro-consulting: Internationalisierung Fokus China

Der Autor bewegt sich seit vielen Jahren zwischen den Kulturen. Verheiratet mit einer Chinesin, heißt täglich gelebte interkulturelle Kompetenz. Im Fokus seiner Beratungstätigkeit stehen Markt- & Trendanalysen (China-Radar), Marketing-Strategie sowie die Projektbegleitung vor Ort in China.

Foto ©Dirk Müller 2015

 

 

Spotlight: B2B Marketing in China

>Made in Germany<< Das ist in China noch immer ein schlagkräftiges Verkaufsargument. Allerdings kommen zunehmend anspruchsvollere Produkte „Made in China“ auf den dortigen B2B Markt. Die Wettbewerbssituation hat sich in fast allen Bereichen spürbar verschärft.

>>Made in Germany<< alleine wird zukünftig kein ausreichendes Verkaufsargument mehr darstellen. Nur mit einer schlüssigen Chinamarketing-Strategie wird man auf einem Markt in „Transformation“ bestehen können.

B2B Marketing in China:
Made in Germany vs Made in China

Traditionell haben deutsche Unternehmen in China einen Wettbewerbsvorteil insbesondere dann, wenn ihre Produkte für technologieintensive Segmente in der Wertschöpfungskette weit oben stehen. Das, was aus Deutschland kommt, muss im Gegensatz zu einem lokalen Produkt nicht kritisch hinterfragt werden. Die meisten chinesischen Kunden verbinden „Made in Germany“ nach wie vor mit gleichbleibender Hochwertigkeit, Zuverlässigkeit, Präzision und höchstem technologischem Standard.

Noch sehen sich hier die deutschen Unternehmen in der Vorhand. Eine Mehrheit geht davon aus, den technologischen Vorsprung gegenüber den chinesischen Wettbewerbern auch zukünftig halten zu können. Laut der Geschäftsklima-Umfrage 2015 der AHK China halten es 36% für unwahrscheinlich und 11,2% für sogar sehr unwahrscheinlich, dass chinesische Wettbewerber innerhalb der nächsten fünf Jahre zu Innovationsführern in ihrem jeweiligen Feld werden.

Andererseits rückt die zunehmende Kompetenz chinesischer Firmen und die sich immer schneller schließende technologische Lücke in den Fokus deutscher Unternehmen in China. Ein viertel (25,4%) hält es für wahrscheinlich und 4,4% für sehr wahrscheinlich, dass chinesische Wettbewerber in naher Zukunft Innovationsführer werden. Chinesische Unternehmen haben hier insbesondere in den mittleren Marktsegmenten Anteile hinzugewonnen (Mid Market Innovators) und sind bestrebt, unterstützt durch die Maßnahmen des 13. Fünfjahresplans, ihr Produktportfolio in Richtung des Premiumsegments weiterzuentwickeln.

Erfolgsfaktoren des B2B Marketing in China

Der Wettbewerb auf einem sich transformierenden Markt, die allgemein nachlassende Wachstumsdynamik, die stärker werdende lokale und internationale Konkurrenz: Das alles fordert von deutschen Unternehmen mehr denn je eine stetige Analyse der eigenen Stärken und Schwächen in Bezug auf ihre Positionierung am chinesischen Markt.

Je nach Industrie und Marktsegment sollten Unternehmen, die nach China expandieren wollen oder bereits in China tätig sind, ihre Strategien dementsprechend ausrichten, überarbeiten oder einem kritischen Review unterziehen. Nur so können Sie ihre Wettbewerbsvorteile erhalten.

Exemplarisch zeigen die nachfolgenden 3 Punkte und Fragestellungen aus dem Prozess der Internationalisierung auf, wie vielfältig die Problemfelder, Stolperfallen aber auch Chancen und Verbesserungspotentiale sein können.

B2B: Einen intransparenten Markt, transparenter machen

Ein Land, viele Märkte: Es gibt keinen einheitlichen Markt in China, auch nicht im B2B Bereich. China teilt sich auf, in dutzende von Teilmärkten, oft entlang der Provinzgrenzen mit unterschiedlichem wirtschaftlichen Entwicklungsstand und kulturellen Besonderheiten. Marktdaten sind schwer zu beschaffen oder zu erheben und mitunter nicht auf dem neusten Stand.

  • Woher erhalten Sie, neben den einschlägigen Markte-Reports, die Informationen für Ihre Marktsegmentierung und Positionierung?
  • Haben Sie Mitarbeiter oder vertrauensvolle Partner vor Ort und tauschen sich aus?
  • Führen Sie Vor-Ort Gespräche mit Ihren Key-Accounts?
  • Führen Sie ein regelmäßiges Screening des Makro-Marktes in China durch (China-Radar)?

B2B: Das passende Produktportfolio für China

Oftmals benötigen chinesische Kunden nicht die Premium-Erzeugnisse höchster deutscher Qualität und einen größtmöglichen Funktionsumfang. Gefragt sind vielmehr Mid-Segment Produkte, die zielgenau den Vorort-Bedürfnissen entsprechen (z. B. moderne Fertigungsanlagen in Basisausstattung, günstiger in der Anschaffung, von chinesischen Mitarbeitern leichter zu bedienen und zu warten oder Modular aufgebaute Produkte mit Upgrade-Optionen). Neben der Produktqualität sind eine schnelle und verlässliche Lieferfähigkeit sowie exzellente, an den chinesischen Markt angepasste Services/After-Sales-Services wichtige Verkaufsargumente.

  • Analysieren Sie regelmäßig die erfolgreichsten Produkte und Serviceangebote der lokalen (und internationalen) Anbieter? Haben Sie dafür Vor-Ort Mitarbeiter und oder Partner?
  • Welche Produkt/Service-Parameter sind dem chinesischen Kunden wirklich am wichtigsten?
  • Führen Sie den Prozess einer systematischen Produktanpassung, -innovation und Service-Innovationen durch und lassen hierbei die Wertvorstellungen des chinesischen Kunden aktiv einfließen?

B2B: Ihre Stärken kulturgerecht kommunizieren

China ist zu einem >>Reich der Marken<< geworden. Das heißt, auch der B2B Wettbewerb findet zunehmend über die Marke und das Markenimage statt. Andererseits führt die inflationäre Zunahme an Marken dazu, dass eine differenzierte Wahrnehmung von Brands seitens der chinesischen Kunden immer schwieriger wird. Ein simples Übernehmen von im „westen“ erfolgreicher Markenkommunikation, angereichert mit dem Label „Made in Germany“ wird bei der Etablierung von B2B Marken in China nicht mehr ausreichen. Gefordert ist eine klare Positionierung, starke Identität und eine an die chinesische Kultur angepasste Kommunikation.

  • Werden Namen, Logos, Slogans usw. korrekt und kulturell stimmig ins chinesische übersetzt und übertragen?
  • Kommunizieren Sie eher produktfunktional? Oder symbolisch u. beziehungsorientiert, beruhend auf Herkunft, Geschichte und Persönlichkeit des Unternehmens?
  • Nutzen Sie auch informelle Kommunikationskanäle in Bezeihungsnetzwerken (Guanxi), Mundpropaganda und Dialoge? Können Sie auf ein erfolgreiches Pilotprojekt in China verweisen?
  • Ist den Mitarbeitern vor Ort ihre Markenbotschaft ausreichend vermitteln worden und werden sie darauf trainiert?

Unterstützung und der Blick von Außen

Insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen sind aufgrund fehlender firmeninterner Ressourcen und Zeitmangel oftmals nur bedingt in der Lage, eine adäquate und regelmäßige Betrachtung und Bewertung des chinesischen Marktes zu organisieren. Die Zwänge des täglichen, operativen Geschäfts führen dazu, dass sich der Blick mitunter verengt. Erfolgs- und Risikofaktoren werden dann nicht ausreichend analysiert und unternehmensspezifische Chancen und Schwächen nicht richtig erkannt.

Das Kompetenzteam Mittelstand International im VBU bietet kleinen und mittelständischen Unternehmen den unvoreingenommenen Blick von Außen und Unterstützung zugleich. Dabei setzen wir mit unseren Partnern in Deutschland und China auf individuelle und gesamtheitliche Lösungen, um Projekte nach China erfolgreich zu starten oder bereits bestehenden China-Aktivitäten noch erfolgreicher zu machen.

Dirk Müller
VBU-Partner


Zum Autor: Dirk Müller (MBA, Dipl.-Pol.)
Partner im VBU-Kompetenzteam Mittelstand International (Fokus China)
incorepro-consulting: Internationalisierung Fokus China

Der Autor bewegt sich seit vielen Jahren zwischen den Kulturen. Verheiratet mit einer Chinesin, heißt täglich gelebte interkulturelle Kompetenz. Im Fokus seiner Beratungstätigkeit stehen Markt- & Trendanalysen (China-Radar), Marketing-Strategie sowie die Projektbegleitung vor Ort in China.

Foto ©Dirk Müller 2015

Mittelstand China – Fünfjahresplan

Fünfjahresplan: Unternehmen blicken nach Beijing – China ist Planwirtschaft

Es ist wieder soweit. Chinas 13. Fünfjahresplan (2016 – 2020) tritt in Kraft. Obgleich in (weiten) teilen nach marktwirtschaftlichen Gesetzen organisiert, legt die politische Führung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt ihre Ziele bis heute in Fünfjahresplänen fest. Der Plan gibt vor, welche Industriezweige, Sektoren und Branchen in den kommenden 5 Jahren und darüber hinaus im Mittelpunkt der Entwicklung Chinas stehen werden.

Chinas Fünfjahresplan tritt in Kraft

Wer seine Sozialisation zur Zeiten des Ost-West-Konfliktes durchlebt hat, für den ist die Assoziation ziemlich klar: Der Begriff Planwirtschaft gilt als Synonym für das offenkundige versagen des Staates, seine Wirtschaft effizient zu organisieren und ein ausreichendes Angebot zu generieren.

Bewegt man sich dieser Tage durch die Glitzerwelten der Geschäfte chinesischer Metropolen wie Shanghai, Beijing (falls es nicht gerade im Smog versinkt), Xian und Chengdu oder reist man mit modernen Hochgeschwindigkeitszügen an Industrieparks vorbei, dann fällt es schwer zu glauben: China ist eine „Planwirtschaft!“

China: Marktwirtschaft - Planwirtschaft

China: Marktwirtschaft – Planwirtschaft. Foto ©Dirk Müller 2015.

Doch geht es heute nicht mehr wie zu Zeiten Maos, um die Festsetzung von Preisen, Ressourcenzuteilungen oder Maßnahmen wie die Kollektivierung der Landwirtschaft. Als Begriffsrelikt aus planwirtschaftlichen Zeiten sind die heutigen, „modernen“ Fünfjahrespläne Chinas am ehesten als Regierungsprogramme anlog der westlichen Demokratien zu verstehen. Sie enthalten die Zielvorgaben und Reformvorhaben, die bis zum Ende der fünfjährigen Periode erreicht sein sollten und im besten Fall übertroffen werden.

Fünfjahrespläne zeigen Chancen und Risiken für den Mittelstand auf:

  • Als Rahmenwerk der chinesischen Regierung gibt der 13. Fünfjahresplan die Leitlinien für Chinas neue Wachstumsziele („New Normal“ – 6,5% BIP) vor. Größte Herausforderung ist die Umstrukturierung der Wirtschaft bei „laufendem Motor“, in der das Wachstum zukünftig vor allem über den Binnenkonsum und Dienstleistungssektor sowie unternehmerische Innovationen generieren werden soll. Staatsinvestitionen bleiben dabei ein wichtiges Instrument der Wachstumsplanung (Im 12. Fünfjahresplan 2011 – 2015 waren das 430 Mrd. €).
  • Die Wirtschaft soll vor allem durch eine Orientierung an Technologie, Optimierung und Nachhaltigkeit mit der Betonung auf „Industrie 4.0“ („Made in China 2025“ Programm) transformiert werden. Dafür werden strategische Industrien und Sektoren u. a. aus den Bereichen Neue Energien, Biotechnologie, Umweltschutz und neue Informationstechnologien definiert (zum Vergleich: die 7 Strategischen Industrien des 12. Fünfjahresplans).

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  • Oberste sozialpolitische Priorität im 13. Fünfjahresplan, soll die Steigerung der Lebensqualität der Bevölkerung haben. Neben dem ergeizigen Ziel der Armutsbekämpfung bis zum Jahr 2020, stehen hier die grundlegende Optimierung ökologischer Prozesse (GreenTech, Urbanisierung – Smart City Projekte), die Reform der Gesundheits- (Medizintechnik, Gesundheitsmanagement) und Sozialversicherungssysteme sowie das Bildungswesen im Fokus.
  • Ein wichtiges Ziel das bereits Teil des 12. Fünfjahresplans war, wird fortgeschrieben: Die Förderung des Vorstoßes chinesischer Unternehmen ins Premiumsegment (auch mit Blickrichtung auf den globalen Markt) unter der Einbeziehung Industriepolitischer Maßnahmen.

Ob es der Pekinger-Führung gelingt, noch vor dem 100. Geburtstag der Kommunistischen Partei Chinas im Jahr 2021 eine Gesellschaft mit moderatem Wohlstand aufzubauen, als auch die wirtschaftlichen Entwicklungs- u. Transformationsziele des Plans als die großen Ziele zu erreichen, wird im Rahmen der derzeitigen Chinadebatte heftig diskutiert und soll in einem der kommenden Blogs näher beleuchtet werden. Immerhin gehen in einer Befragung deutscher Manager fast zwei Drittel davon aus, dass die avisierten Maßnahmen einen positiven oder sehr positive Effekte auf China haben werden.

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Eigene Darstellung. Quelle: ZEW-PwC-Wirtschaftsbarometer China 01/2016

Fünfjahresplan – Langfristige Chinastrategie 

Da sich das chinesische Wirtschaftsleben stark an den Vorgaben der Zentralregierung in Beijing orientiert, wird der 13. Fünfjahresplan zu einem der Indikatoren für das, was Unternehmen mit der Blickrichtung China als Markt und im Hinblick auf die Wettbewerbssituation erwarten können.

Der Fünfjahresplan weist in die Zukunft der chinesischen Wirtschaft auch über die Dauer der Planperiode hinaus, da viele der neuen Vorhaben sehr langfristig ausgerichtet sind.

Chinesische Unternehmen machen sich umgehend daran die Zielvorgaben der Regierung, die in den Fünfjahresplänen klar kommuniziert sind, zum festen Bestandteil der eigenen Unternehmensstrategie zu machen. Das bedeutet, internationale Hersteller & Zulieferer orientieren sich ebenfalls am Fünfjahreplan mit dem Ziel, Teil der chinesischen Wertschöpfungsketten zu werden.

Der Fünfjahresplan gibt somit konkrete Hinweise auf aussichtsreiche Geschäftsfelder die sich auftun, aber auch verschließen können (Industriepolitischer Protektionismus, unfaire Wettbewerbsbedingungen für ausländische Anbieter). Er zeigt die Bereiche an, in denen mit einem weiteren Erstarken des chinesischen (und internationalen) Wettbewerbs zu rechnen ist.

Unternehmen, die auf dem chinesischen Markt nicht auf eine vorausschauende Strategie setzen laufen Gefahr, sich bei der Vielzahl kleinteiliger, operativer Aufgaben zu verzetteln. Größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt sollte darauf verwenden, eine Zukunfts- und Szenario-Planung zu betreiben, an der sich die Chinastrategie des Unternehmens für die kommende Dekade orientiert. Das VBU Kompetenzteam Mittelstand International und incorepro-consulting „China-Radar“ helfen Ihnen dabei.

Dirk Müller


 

Zum Autor: Dirk Müller (MBA, Dipl.-Pol.)
Partner im VBU-Kompetenzteam Mittelstand International (Focus China)
incorepro-consulting: Internationalisierung Fokus China

Der in Deutschland aufgewachsene und in der Schweiz lebende Autor Dirk Müller bewegt sich seit vielen Jahren zwischen den Kulturen. Verheiratet mit einer Chinesin, heißt täglich gelebte interkulturelle Kompetenz. Im Fokus seiner Beratungstätigkeit stehen Markt- & Trendanalysen (China-Radar), Marketing-Strategie sowie die Projektbegleitung vor Ort in China.

 

China heute. Wir müssen die Kultur verstehen. Foto: © Dirk Müller 2015

Internationalisierung: China verstehen!?

 

„Die glorreiche Vergangenheit fordert die Gegenwart für eine erfolgreiche Zukunft heraus“
Dèng Xiǎopíng

Wer China wirklich verstehen will, der sollte seinen Blick für eine andere „Kultur des Denkens“ jenseits der üblichen Wirtschaftskennzahlen schärfen.

China ist erstaunliches gelungen. Innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne hat es die Volksrepublik geschafft, vom Status eines Entwicklungslandes zu einer der größten Volkswirtschaften und zunehmend auch einem geostrategischen „Player“, in der Welt aufzusteigen.


China: „Riese oder Scheinriese“

Dieser Entwicklungspfad ist natürlich nicht ohne Echo im „westlichen Chinadiskurs“ geblieben. Neben der Diskussion zur allgemeinen Verfasstheit des Staates hinsichtlich Demokratieverständnis oder den außenpolitischen Ambitionen, bringt insbesondere die wirtschaftliche Entwicklung regelmäßig eine Bandbreite von Reaktionen in der medialen Berichterstattung hervor. Sie pendelt zwischen ungebrochener „China-Begeisterung“ und „China-Kollaps“ hin und her.

Die „China-Optimisten“ betonen trotz eines schrumpfenden BIP – „dass nun beständig unter der 7% Marke liegen wird“ (Prognose IMF) – weiterhin die Möglichkeiten des riesigen chinesischen Binnenmarktes sowie eines aufstrebenden Dienstleistungssektors. Dazu gehören auch die Reformbestrebungen der Führung. Benannt seien die Privatisierung der Staatsunternehmen sowie die Förderung von Entrepreneurship und Kreativität zur Steigerung der Innovationsfähigkeit des Landes.

Die „China-Pessimisten“ hingegen, sprechen der autoritären politischen Führung in Beijing genau diese Fähigkeit ab. Sie erkennen darin nicht den Weg eines erfolgreichen Umsteuerns im Rahmen des bisherigen Wachstumsmodells. Insbesondere die Implementierung von dringend notwendigen strukturellen Reformen gehe in dem „verkrusteten“ Einparteiensystem nur sehr langsam voran und nicht weitreichend genug. Mitunter verneinen sie jegliche Bewegung.

China heute. Wir müssen die Kultur verstehen. Foto: © Dirk Müller 2015

China heute – wir müssen die Kultur verstehen. Foto: © Dirk Müller 2015

Chinas neue Realität

Eines scheint derweil gesichert: China steht an einem Wendepunkt. Das bisherige Wachstumsmodell mit der Fokussierung auf Investitionen und Export verliert an Kraft. Weichen für ein neues Modell, das sich auf die Binnennachfrage und Innovationen stützt, müssen gestellt werden.

Was für die volkswirtschaftliche Ebene gilt, setzt sich gleichsam Unternehmensebene fort, wenn auch gedämpfter und differenzierter. So ist China für die Mehrheit der global tätigen deutschen Firmen noch immer „der Wichtigste“ oder zumindest „unter den drei wichtigsten Märkten“ der Welt zu finden (AHK 2015). Gleichzeitig konstatieren die Unternehmen:

  • die Wachstumsdynamik wird schwächer
  • die chinesische Konkurrenz stärker
  • Reglementierungen strenger.

Es muss festgestellt werden,dass Chinageschäft ist kein Selbstläufer mehr. Die rasanten Veränderungen von Land und Markt erhöhen für europäische Unternehmen den Anpassungsdruck. Erfolgreich wird nur noch derjenige sein, der das Land und den ‚Markt in seinem Transformationsprozess‘ bestens versteht.

Warum ist das ‚Chinabild‘ von Europa aus so mangelhaft?

Doch verstehen wir China wirklich richtig? Die Huawei Studien von 2012 und 2014 zeigen auf, dass das Chinabild der Deutschen noch immer und oft von alten Klischees und Stereotypen geprägt ist. Das gilt auch für die Entscheidungsträger deutscher Unternehmen. Denn trifft der deutsche Geschäftspartner unvorbereitet auf einen chinesischen – der sich als Repräsentant einer der ältesten, bis in die Gegenwart fortbestehenden Kultur der Welt versteht (J. Huang) – dann sind Fehleinschätzungen vorprogrammiert.

Worin liegen die Fehler? Es ist der Blick durch eine „westliche Brille“, das Messen mit westlich geprägten Wertmaßstäben und alle Lösungen mit „unseren“ Strategien abzugleichen. Das heißt nicht, dass eine kritischen Bewertung des „Steuerungsinstrumentariums“ der chinesischen Regierung auf der Makroebene nicht berechtigt sei oder dasVerhalten chinesischer Unternehmen als Konkurrent oder Kooperationspartner nicht genau beobachtet und bewertet werden muss. Jedoch ist die Auseinandersetzung jenseits der Voraussagen von Wirtschaftswachstum, Absatz- und Umsatzahlen dringend notwendig!

Es muss vielmehr um das bestmögliche Verständnis einer „Kultur des Denkens“ gehen. Und schnell wird man feststellen, dass es sich mitunter fundamental vom Denken des Westens unterscheidet. Man steht einem Denken gegenüber, das nicht im westlichen Sinne logisch und linear ist.

Lesen Sie hierzu den Fachbeitrag Strategiekultur chinesischer Unternehmen – eine erste Annäherung mit Sunzi: http://www.vbu-berater.de/dateien/Fachbeitraege/Fachbeitrag_DM_14.09.15.pdf

 

Quellen:

IMF: World Economic Outlook, April 2015
AHK: Geschäftsklimaindex China, 2015
Joanne Huang: China besser verstehen, 2010


Zum Autor: Dirk Müller (MBA, Dipl.-Pol.)
Partner im VBU-Kompetenzteam Mittelstand International (Focus China)
incorepro-consulting: Internationalisierung Fokus China

Der in Deutschland aufgewachsene und in der Schweiz lebende Autor Dirk Müller bewegt sich seit vielen Jahren zwischen den Kulturen. Verheiratet mit einer Chinesin, heißt täglich gelebte interkulturelle Kompetenz. Im Fokus seiner Beratungstätigkeit stehen Markt- & Trendanalysen, Marketing-Strategie sowie die Projektbegleitung vor Ort in China.

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